Philosophie


Mein Forschungsanliegen in der Philosophie ist eine Standortbestimmung und Grenzabschreitung des Menschen in einer technisch entfesselten, digital-, gen- und nano-technisch revoluzionierten Lebenswelt.
Dazu habe ich die Konzepte der Vierten Natur und der New Reality entworfen, um so einer Neuen Anthropologie des 21. Jahrhunderts näherzukommen.

  • Anthropologische Mobilität
  • Der Mensch als Autofakt
  • Die Vierte Natur des Menschen

Bruno Gransche: Mobilität als Metamorphose des Menschen. Der Cyborg als Prototyp des Unterwegsseins. In:

Praxen der Unrastbuchcover_praxen_der_unrast

Von der Reiselust zur modernen Mobilität.
Se faire mobile: Du gout au voyage à la mobilité moderne

Jens Badura, Cédric Duchêne-Lacroix, Felix Heidenreich (Hrgs.)

Der Mensch ist unterwegs seit er zum Auszug aus dem Paradies gezwungen wurde. Aus dem Fluch schien zunächst ein Segen zu werden. Seit den großen Pilgerreisen des Mittelalters und den Entdeckerfahrten der Frühen Neuzeit hat die Mobilität rasant zugenommen. Noch nie waren so viele Menschen so viel unterwegs wie heute. Dieser Zuwachs an Mobilität scheint an Grenzen zu stoßen. Zu einem Zeitpunkt, an dem die ökologischen und sozialen Kosten der Mobilität deutlich werden, zeichnet sich eine Sättigung des Marktes ab. Zudem erledigt sich das romantische Projekt einer Begegnung mit dem Anderen in jenem Moment, in dem die Welt vollständig vermessen ist. Oder bleibt der Drang zur Mobilität eine anthropologische Konstante?

Der Band versammelt deutsche und französische Beiträge von Jean Didier Urbain, Elisabeth Ruchaud, Pia Doering, Felix Heidenreich, Anna Helena Klumpen, Hannes Fernow, Bruno Gransche, Cédric Duchêne Lacroix, Darja Reuschke und Jens Badura, die das Thema aus der Perspektive verschiedener Disziplinen in den Blick nehmen.

Taschenbuch: 184 Seiten
Verlag: Lit Verlag; 1., Aufl. (25. Mai 2011)
ISBN-10: 3643112017
ISBN-13: 978-3643112019

Buch hier bestellen...

Im Herbst 2009 fand im Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart (IZKT) ein interdisziplinärer Austausch zum Thema Mobilität statt. Nach einem Auftakt von Prof. Dr. Jean-Didier Urbain und unter Moderation von Dr. Felix Heidenreich, Dr. Jens Badura und Dr. Cédric Duchêne-Lacroix wurde drei Tage aus den verschiedenen Perspektiven der beteiligten Disziplinen auf französisch und deutsch über das Phänomen der Mobilität diskutiert.
Eine interessante, inspirierende und intellektuell wie sprachlich mobilisierende Veranstaltung.

"Mobilität: Von den Ursprüngen der Reiselust bis zu ihrem Ende in der vermessenen Welt war Thema des 5. Deutsch-französischen Graduierten-Colloquiums, das vom 29.-31. Oktober 2009 am Frankreich-Schwerpunkt des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart stattfand." (siehe DVA-Stiftung)

"Bruno Gransche fasste in seinem Beitrag die Vorstellung der wandelbaren Identität des Menschen noch radikaler: Nicht kulturelle Identifikationen sind [...] in Zeiten hoher Mobilität vielen Wandlungen unterzogen; der Mensch selbst hat sich durch moderne Technologie längst als ein sich selbst wandelndes Wesen erwiesen. Immer neue Technologien der Mensch-Maschine-Hybridbildungen erlaubten es, von einer „anthropologischen Mobilität“ zu sprechen.
Der Mensch habe sich längst auf den Weg gemacht, die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu überschreiten oder aufzulösen. Gransche konnte hierfür konkrete Technologien aus seiner Arbeit am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung anführen."
(Auszug aus dem Bericht des IZKT Colloquiums 2009)

buchcover_autofakt

Der Mensch als Autofakt

Technik-Haben und Technik-Sein
in der New Reality des
21. Jahrhunderts

Im 21. Jahrhundert hat sich eine grundsätzliche Transformation des Humanen dynamisiert. Zu einer immer dichteren technischen Durchdringung der menschlichen Lebenswelt kommt eine immer nahtlosere Einbettung des Menschen in eine expandierende Technosphäre. Angesichts dieser Entwicklungen muss die Frage nach dem Menschen und seinem Verhältnis zur Technik aktualisiert gestellt werden. Dieses Buch beginnt eine solche Revision im Rahmen der philosophischen Anthropologie.

Kernthese ist die integrierende Perspektive von Mensch und Technik als Komponenten eines biotechnischen kybernetischen Systems, der New Reality. Basis dieses Konzepts sind die Ansätze Gehlens, Popitz? und Spinners, die allerdings im Lichte aktueller soziotechnischer Entwicklungen sowie unter Einflüssen aus Mythologie und Kybernetik, aus Paul Virilios Dromologie und Jean Baudrillards Simulakra weiterentwickelt werden. Dies ist ein Versuch, den Menschenbildern der Vergangenheit eine Perspektive der Gegenwart hinzuzufügen, die den Menschen in eine technisch entfesselte, aber menschlich lebenswerte Zukunft entwirft. Ein Selbstverständnis des Menschen als Autofakt soll ins kritische Bewusstsein gerufen werden.

Taschenbuch: 196 Seiten
Verlag: VDM Verlag Dr. Müller (16. Juli 2010)
ISBN-10: 3639271327
ISBN-13: 978-3639271324

Buch hier bestellen...

Open Access Volltext hier bei Fraunhofer Publica herunterladen...

Der folgende Abschnitt sind schlaglichtartige Textauszüge, aus meiner Magisterarbeit "Die Vierte Natur des Menschen - New Reality als kybernetische Prothese im 21. Jahrhundert" vom Januar 2009. Davor ein Kommentar des Gutachters Martin Gessmann.

Kommentar


"Die Arbeit, in der es grundsätzlich um eine Standortbestimmung des Menschen in einer durch Digitaltechnik revolutionierten Lebenswelt geht, darf, das sei vorab beschieden, als äußerst gelungen gelten. Es ist nämlich selten der Fall, daß eine wissenschaftliche Arbeit aktuelle, also noch nicht durch Sekundärliteratur abgesicherte Tendenzen vor dem Hintergrund klassischer Texte analysiert und dabei auch noch Originalität im Lösungsansatz beweist, und schließlich das Ganze in einem frischen und einladenden Stil präsentiert. [...]
Themen der Bedrohung durch Technik werden so angesprochen, die traditionell als das Gegenstück zur These von der Technik als Entlastung dienen und in Kreisen der Kulturkritik von Heidegger über Adorno bis zu Gadamer eine lange Ahnenreihe besitzen. Dennoch erkennt Gransche in der „new reality“ mehr Potenzen als Behinderungen für das Menschenwesen, sich in einer akzeptablen Weise zu entfalten und zu realisieren, wobei dabei eben vorausgesetzt ist, daß sich das Menschenwesen nur im Rhythmus seiner Selbstgestaltung noch konstant halten läßt."

[Prof. Dr. Martin Gessmann, Heidelberg, 12.03.2009]

 

Cyborg & Co.


"Die grundsätzlichen Prozesse sind zum einen das Verschmelzen von Mensch und Maschine auf nanoskopischer, gentechnischer und globaler Ebene. Zum Cyborg gelangt man von zwei Seiten. Das heißt, der Mensch wird in dem Maße technischer, wie die Technik menschlicher wird. Beide Sphären, die organische und die technische, werden in der New Reality zusammengeführt, als Vertechnisierung, Aufrüstung und Manipulation des Organischen, des Menschen, und als Vermenschlichung, als organische und anthropomorphe Technik. Beide, Mensch und Maschine, stehen sich in der Kybernetik als funktional gleiche Faktoren gegenüber und beide entwickeln sich nach evolutionaren Prozessen.

Darüber hinaus macht die Konvergenz aus verräumlichter Kybernetik und kybernetisiertem Raum die Sphäre der Vierten Natur aus. Es findet eine Annäherung der Virtuellen Sphäre an die Realität statt, mit immer höherer Realitätsnähe und -dichte sowie ihre nicht mehr zu leugnende Rolle für die Welt, sei es im Finanzsystem, an den Börsen, in der Medizin, im Verkehr, in der Kommunikation, in der Politik oder in der Umwelt.

Gleichzeitig vollzieht sich ein Gegenprozess, die Virtualisierung der Realität: Ubiquitious oder Pervasive Computing und die Realitätsmischungen zeigen dies. Medientechnik und Technologien zur Aufmerksamkeitsformierung bilden eine Psychomacht, die das Selbst- und Weltbild der Menschen virtualisiert. Der Mensch ist sehr viel mehr als der Operateur seiner Apparate oder Gegenpol beziehungsweise Komponente der Technik.

Der mannigfaltige Kosmos der Technik zerfallt letztlich in zwei Bereiche: die Raum- und die Zeitprothesen. Und selbst diese beiden Bereiche kollabieren zum Punkt der Allgegenwart, zur technischen Präsenz im künstlichen Präsens.
Im Großen und Ganzen gesehen schließt die Kybernetik und die Kybernetisierung der Welt und des Menschen einen Regelkreis zwischen Mensch, Maschine, Raum und Zeit. Heraus kommt eine Transformation des Humanen in eine Menschmaschine der Raumzeit.

Die Frage nach dem Menschen bleibt auf der Tagesordnung, sie stellt sich in der erweiterten Runde von Tier, Gott und Maschine: Ist der Mensch ein Cyborg, der sich als solcher aber die Selbsterkenntnis verweigert, ist er noch nicht über sein neues Wesen aufgeklart? Oder ist das Konzept des Cyborgs nur eine hypothetische Grenzschimäre des Menschen, geboren aus dem übertriebenen Stolz auf seine technischen Produkte und der megalomanen Selbsttauschung eines mehrfach narzisstisch Gekränkten?

Eine Anthropologie der Neuen Realität muss erfunden werden, um die posthumanen Affen und Cyborgs verstehen zu können, die wir schon sind oder die wir noch werden. Diese Anthropologie kann den Menschen jedenfalls nicht mehr im Gegensatz zur Technik, sondern zu aller erst mit der Technik begreifen.

Der Mensch dieser Neuen Realität lebt als Cyborg, in einer gemischten, erweiterten Realität mit mehreren Ebenen. Er lebt in einem physikalischen Raum, in einer virtuellen Paralellwelt, mit breitem Zugriff auf die Raumzeit, sei es durch Teleaktion oder Television, sei es durch das Vergegenwärtigen der Vergangenheit oder das Simulieren der möglichen Zukunft. Die Welt des Cyborg hat mehrere verschwimmende und interagierende Dimensionen und er ist gut ausgerüstet, um sich in ihnen orientieren und in ihnen agieren zu können. Dabei lindert ein Pharmakon, die Nebenwirkung des jeweils anderen. Mit Informationen und Realitätsgraden spielend, konstatiert der Mensch der New Reality dann, oder schon jetzt, lakonisch:
I'm a Cyborg, but that's O.K.!"